Neun Jahre Getaway, von einer Idee in Harvard bis zu Marriott
Getaway stellte kleine Hütten in Wälder ein paar Stunden von großen Städten entfernt, verzichtete auf WLAN und ließ das Handy in eine Box sperren. Die Geschichte von 2015 bis zur Übernahme der Marke durch Marriott 2024 und was kleine Campingplätze daraus lernen.
Teknovan Redaktion ·

Wer in der Stadt lebt, scheitert beim Wochenendausflug meistens an zwei Dingen. Entweder ist das Ziel zu weit weg, oder man sitzt dort dann doch wieder am Handy. Getaway hat beide Probleme auf einmal gelöst: eine kleine Hütte im Wald, ein paar Autostunden von der Stadt entfernt, und darin eine Box, in die du dein Handy einschließt.
Das Unternehmen begann 2015 als Idee zweier Studienfreunde und war neun Jahre später eine Marke, die von einer der größten Hotelgruppen der Welt gekauft wurde. Das Interessante für Campingbetriebe: wie wenig das Produkt eigentlich enthält.
Vom Wohnheimzimmer in den Wald von New Hampshire
Gegründet wurde Getaway von Jon Staff und Pete Davis, die in Harvard Zimmernachbarn im Wohnheim waren. Laut Presseberichten entstand die Idee im Gründerumfeld von Harvard, aus einem Projekt, das die beiden „Millennial Housing Lab“ nannten. Es ging um die Frage, wie Menschen ausprobieren können, in kleineren und einfacheren Räumen zu leben.
Die ersten Hütten entstanden 2015 auf einem Grundstück in New Hampshire, mit dem Auto gut von Boston aus erreichbar. Entworfen hatten sie Architekturstudierende der Harvard Graduate School of Design. Laut einem Bericht von Dezeen aus dem Jahr 2016 waren die ersten Häuser etwa 160 Quadratfuß groß, also rund 15 Quadratmeter. Spätere Modelle wurden etwas größer, der Grundgedanke blieb. Nach der Beschreibung von Time Out hat jede Hütte ein großes Panoramafenster, eine kleine Küchenecke und draußen eine Feuerstelle.
Das Produkt selbst: weniger
In den Hütten von Getaway gab es kein WLAN. Den Gästen wurde empfohlen, ihr Handy in eine Box in der Hütte einzuschließen. Für Notfälle gab es laut Presseberichten ein Festnetztelefon.
Dieser „Mangel“ war das eigentliche Produkt. Getaway beschrieb sich nicht als Hotel oder Campingplatz, sondern als Pause von der Stadtmüdigkeit. Die Sprache des Marketings war nicht Komfort, sondern Stille.
Auch die Standortlogik war klar. Die Plätze von Getaway (das Unternehmen nannte sie „Outposts“) lagen etwa zwei Autostunden von großen Städten entfernt. Das Netz begann rund um Boston, New York und Washington und breitete sich mit der Zeit in andere Regionen der USA aus. Die Zielgruppe: Leute, die freitags nach der Arbeit losfahren und sonntagabends wieder zu Hause sein wollen.
Wachstum und Investitionen
Getaway wuchs früh mit Risikokapital. Berichten zufolge gab es eine Serie-B-Finanzierung über 22,5 Millionen Dollar unter Führung von Starwood Capital. 2021 folgte eine Serie C über 41,7 Millionen Dollar, angeführt von Certares, einem auf Reisen und Hotellerie spezialisierten Investor. Mit dem Geld kamen jedes Jahr neue Standorte dazu.
Ende 2024 benannte sich Getaway in Postcard Cabins um. Am 12. Dezember 2024 gab Marriott International bekannt, die Marke Postcard Cabins gekauft zu haben. Laut Mitteilung umfasste das Portfolio 29 Standorte und mehr als 1.200 Hütten. Der Kaufpreis wurde nicht genannt. 2025 sollte die Marke in die Buchungskanäle von Marriott und das Treueprogramm Marriott Bonvoy aufgenommen werden.
Was machte Getaway anders?
Die Zielgruppe war genau beschrieben. Der Kunde von Getaway war kein Naturfan und kein erfahrener Camper, sondern ein müder Städter. Produkt, Marketing und Standort waren auf genau diese eine Person zugeschnitten.
Die Entfernung wurde Teil des Produkts. „Zwei Stunden von der Stadt“ ist eine Information, die die Entscheidung fürs Wochenende leichter macht. Eine lange Anfahrt killt jeden Kurzurlaub. Getaway machte daraus eine feste Regel für die Standortwahl.
Das Design war standardisiert. Gleicher Hüttentyp, gleiche Aufteilung, gleiche Ausstattung. Das beschleunigte die Eröffnung neuer Standorte, und der Gast wusste, was ihn erwartet.
Aus einer Empfehlung wurde eine Geschichte. Die Handybox ist ein kleines Detail, tauchte aber in fast jedem Pressebericht über die Marke auf. Eine Regel oder ein Tipp kann zur Geschichte werden, wenn man ihn richtig erzählt.
Der Check-in lief kontaktlos. An- und Abreise funktionieren ohne Kontakt. Der Gast bucht online, bekommt kurz vor der Ankunft den Türcode aufs Handy und geht direkt zu seiner Hütte. Ein großes Rezeptionsteam ist nicht nötig.
Wo das Modell an Grenzen stößt
Die Geschichte von Getaway ist auch eine Investorengeschichte. Dutzende Standorte in wenigen Jahren zu eröffnen, ging nur mit Kapital in Millionenhöhe. Ein kleiner Betrieb muss dieses Tempo nicht nachmachen und könnte es auch gar nicht.
Auch das Standardprodukt hat seinen Preis. Überall dieselbe Hütte und dieselbe Aufteilung geben dem Gast Sicherheit, drängen aber den eigenen Charakter des Ortes in den Hintergrund. Ob du in einem Wald oder in einem Olivenhain bist, merkst du eher draußen als drinnen.
Und schließlich ist die Handybox nicht für jeden etwas. Wer remote arbeitet, wessen Kind zu Hause beim Babysitter ist oder wer einfach erreichbar bleiben will, für den ist „offline“ kein Versprechen, sondern ein Hindernis. Auch bei Getaway wird die Box als Empfehlung beschrieben, nicht als Pflicht. Wenn du in deinem Betrieb eine ähnliche Regel einführen willst, musst du deine Zielgruppe kennen.
Was ein Campingplatz in der Türkei daraus mitnehmen kann
Rund um türkische Großstädte wie Istanbul, Izmir, Ankara und Bursa gibt es in Waldgebieten, die in zwei Stunden erreichbar sind, schon heute Campingplätze und Bungalowanlagen. Die Geschichte von Getaway sagt diesen Betrieben Folgendes:
- Sag schon im ersten Satz, wie nah du an der Stadt bist. Eine konkrete Angabe wie „45 Minuten vom Zentrum Izmirs“ verkauft sich besser als „mitten in der Natur“. Wer einen Wochenendausflug sucht, filtert zuerst nach Entfernung.
- Denk die Wochentage getrennt. Stadtnahe Betriebe sind freitags und samstags voll und von Montag bis Donnerstag leer. Probier Angebote unter der Woche für Leute im Homeoffice, kleine Teamtreffen oder ruhige Schreibwochen aus.
- Such dir einen „Mangel“ aus und erzähl davon. Ein Platz ohne WLAN, eine Handybox, keine Musik nach 22 Uhr. Für die richtige Zielgruppe sind das Verkaufsargumente. Sag es aber gleich am Anfang des Inserats, klar und deutlich.
- Standardisier deine Einheiten. Wenn du vier Bungalows hast, sollten alle vier das gleiche Bett, die gleiche Ausstattung und die gleiche Putzliste haben. Gäste und Team erleben dann weniger Überraschungen.
- Probier Self-Check-in aus. Ein Schlüsselkasten, eine Wegbeschreibung und eine Nachricht mit den Regeln vor der Ankunft trennen den Gast, der spät in der Nacht ankommt, von deinem Schlaf. Für einen Betrieb mit kleinem Team spart das Zeit.
- Plan Privatsphäre ein. Abstand und Sichtachsen zwischen den Einheiten können wichtiger sein als die Quadratmeter. Wenn du eine neue Einheit aufstellst, schau, was man vom Fenster der Nachbareinheit aus sieht.
Ein Beispiel für einen Waldausflug nahe Izmir findest du in unserem Artikel über den Naturpark Karagöl, Campingmöglichkeiten rund um die Stadt im Ratgeber Camping rund um Izmir. Wie andere Marken im Glamping gewachsen sind, zeigt die Geschichte von Huttopia und Under Canvas.
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Quellen
- Harvard students create tiny vacation houses for stressed-out city dwellers (Dezeen, 2016)
- How a Harvard student's summer in an Airstream trailer led to a startup (Boston.com, 2015)
- Getaway Raises $22.5M to Get You Off the Grid (Built In)
- Certares leads $42M Series C for Getaway (PhocusWire)
- Getaway (Time Out New York)
- Marriott Acquires the Postcard Cabins Brand (Hospitality Net)
- Marriott Acquires Nature-Based Lodging Company, Postcard Cabins (TravelPulse)
Bildnachweise
Die Fotos zeigen die Region, nicht die Campingplätze selbst.
- İnciraltı, Balçova: Ayratayrat, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons


